NTL – NEUE TAGEBAULANDSCHAFT NIEDERLAUSITZ

Fakten

Analyse, Konzept, Planung für die Restrukturierung
Zeitraum
10.10.1996 - 10.02.1997

urbikon Verantwortliche
Michael Grzesiak, Sebastian Stiess,

Südöstlich von Berlin zwischen Spreewald und Elster liegt die größte Landschaftsbaustelle Europas. Die Niederlausitz war mit ihren Braunkohlevorkommen das ehemalige Energiezentrum Ostdeutschlands. Dieser Vorkommen bediente man sich über viele Quadratkilometer und Jahrzehnte, ohne sich der zeitlichen und räumlichen Maßstäbe solcher Eingriffe bewußt zu sein. Die Folge sind wüstenartige Landschaften, die nur sehr unzureichend und oberflächlich rekultiviert wurden. Mit den Auswirkungen dieser Eingriffe sind wir heute konfrontiert.

Der wirtschaftliche Motor Braunkohletagebau hat sich nach der Wende auf ein Zehntel reduziert. Somit fiel das Arbeitgebermonopol weg. Unbeantwortet bleibt die Frage nach ökonomischen Alternativen. Welche Art von Lösungen kann Architektur, Städtebau oder Raumbildung für den Strukturwandel bieten? Welche Wichtigkeit hat räumliche Gestaltung für die Zukunftsperspektiven der Region? Ist es überhaupt mö glich ohne großen finanziellen Spielraum gestalterisch in die Entwicklungen einzugreifen?

Wir sind durch die Großmaßstäblichkeit mit einer neuen Art von Planungsproblematik konfrontiert. Bediente man sich früher in der Landwirtschaft gewachsener, fruchtbarer Flächen in der Natur, so ist man hier heute gezwungen erst einmal in die Sanierung der Böden zu investieren, um aus einem Stück Land Erträge zu erwirtschaften. In der Stadt müssen Sanierungen von Industriebrachen durch ökonomische Konzepte mit hohem Ertragswert einer späteren Nutzung finanziert werden. Gibt es analog dazu Konzepte, die die Tagebauflächen zu Ertragsflächen machen? Und um welche Art von Erträgen könnte es sich handeln?

Die wirtschaftliche Auseinandersetzung ist Grundvoraussetzung, um überhaupt gestalterisch tätig werden zu können. Die zweite Fragestellung ist die nach der Gestalt der Landschaft. Gibt es eine Landschaftsform für Tagebaufolgeflächen? Die heute gängige Praxis versucht die Eingriffe des Bergbaus ungeschehen zu machen. Man spricht von “Renaturierung”. Ziel ist es die Landschaft möglichst in den Zustand vor dem Bergbau zurück zu versetzen, der oft über hundert Jahre zurückliegt. Die damalige Struktur wuchs aufgrund ihrer Nutzung in ihre damalige Form. Heute ist weder eine zivilisatorische Struktur noch Nutzung vorhanden. Welche zeitgemäßen Funktionen kann die Landschaft der Niederlausitz heute erfüllen? Wie können wieder neue Strukturen wachsen und was können sie leisten? Welche Qualität, Bedeutung und Gestalt haben sie?

Diesen Fragen versuchen wir mit unserem Konzept nachzugehen. Vorraussetzung ist eine profunde Analyse der Situation. Auffallend ist dabei das negative Image des Braunkohletagebaus, der jedoch über Jahrzehnte die Identität der Bewohner bildete. Dieser soziokulturelle Widerspruch spiegelt sich im Umgang mit der Landschaft wider. Für diesen Konflickt suchen wir Lösungsansätze. Die Entwicklung von Zukunftsbildern für die Region, die auf die Tagebaugeschichte aufbauen, soll der Identitätsaufgabe entgegnet werden. Wir arbeiten qualitätvolle Charakteristika dieser besonderen Landschaft heraus und setzen sie in einen zeitgemäßen Kontext. Grundsätze dabei sind die Ablesbarkeit der Geschichte in der Landschaft und die Beachtung des Wahrnehmungsmaßstabes.

Das Ziel unserer Planung ist ein Entwicklungsprozeß. Wir möchten und können daher kein fertiges Bild vorgeben, sondern wir suchen flexible Strukturen, die es der Lausitz wieder erlauben zu wachsen, sich frei zu entwickeln und sich zu verändern. Die durch den Kohleabbau aufgezwungene Monostruktur soll sich in eine durch Wachstum gesunde Polystruktur wandeln. Drei Entwürfe einer Tagebaufolgelandschaft sollen exemplarisch diese Vorgehensweise veranschaulichen.

Diese Arbeit wurde im Buch "ZukunftsEntwürfe - Ideenwettbewerb für eine neue Politik" 2001 veröffentlich
 

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