RAUMSZENARIEN SACHSEN-ANHALTS

Fakten

Konzeption und Erstellung von Karten
Zeitraum
10.10.2010 - 31.05.2011

Kunde

Stiftung Bauhaus Dessau

urbikon Verantwortliche
Kai Dolata,

Stadtplan der Altmark

Selbsverantwortungsräume (siehe Aring, J.) in den schraffierten Bereichen

 

Verwaltungsinseln in der Altmark

Status Quo der Verwaltungsgrenzen
Kleine Inselns = Gemeinden
Inselgruppen = Landreise

 

Infrastrukturkarte der Altmark

Öffentliche Einrichtungen und deren Bezugsräume

 

Stadt Anhalt

Die Stadt Anhalt mit Dessau als Neustadt, Lutherstadt Wittenberg als Altstadt und Rosslau als Marina

 

Verwaltungsinseln in Anhalt

Status Quo der Verwaltungsgrenzen
Kleine Inselns = Gemeinden
Inselgruppen = Landreise

 

Verwaltungsinseln des Harzes

Status Quo der Verwaltungsgrenzen
Kleine Inselns = Gemeinden
Inselgruppen = Landreise

 

Stadt Harz

Der Naturraum Harz als Stadtregion, die über die Landesgrenzen der Bundesländer hinausgeht.

 

Links

 

Verwaltungsgrenzen - ja und?

Die Grenzgeschichte Sachsen-Anhalts der letzten hundert Jahre ist sehr bewegt. Die heutige Außenform besteht erst seit gut zwanzig Jahren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand die Region aus mehreren Provinzen Preußens und Sachsens und Fürstentümern, die besonders im Süden kleinteilig gegliedert waren. Im Dritten Reich wurden mit der Gau-Restrukturierung die preußischen und sächsischen Provinzen aufgelöst und auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes die Provinzen Magdeburg und Halle-Merseburg – neben dem Freistaat Anhalt – festgelegt. Bereits 1945/46 hat die Sowjetische Militäradministration diese Hoheitsbereiche in einem Land Sachsen-Anhalt zusammengefasst. Doch schon die Verwaltungsreform der DDR 1952 trennte dieses Land in die Bezirke Magdeburg, Halle und gab Einzelteile an die Bezirke Leipzig und Cottbus ab. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 erhielt Sachsen-Anhalt mit der Zusammenlegung der Bezirke Halle und Magdeburg sowie dem Kreis Jessen seine derzeitige Form.
Im Inneren des Bundeslandes wurden die im Jahre 1990 bestehenden 37 Landkreise durch die Kreisgebietsreformen 1994 und 2007 auf 11 Landkreise reduziert. Die Kreisfreien Städte Halle, Magdeburg und Dessau blieben bis auf den Anschluss Roßlaus an letztere unberührt.1 Noch umfassender waren die Zusammenlegungen auf kommunaler Ebene: aus ursprünglich 857 unabhängigen Gemeinden, die zur Erfüllung ihrer hoheitlichen Aufgaben bereits in Verwaltungsgemeinschaften und Verbandsgemeinden kooperierten, formierten sich durch Auflösung dieser Gebiets-Körperschaften 300 Einheitsgemeinden. Auch die drei bis Ende 2006 bestehenden Regierungsbezirke wurden aufgelöst und deren Aufgaben ins Landesverwaltungsamt Halle/Saale verlegt. Damit einher verliefen Restrukturierungen der Gerichts- und Polizeibezirke, Zusammenlegungen von Schulen und Hochschulen, Standortverschiebungen von Berufsschulen und die Neugliederung der Sparkassen innerhalb des Bundeslandes.
Gründe für die Verwaltungsreformen lassen sich u.a. in Kostenreduktion und Effizienzsteigerung behördlicher Aufgaben finden. In einer Zeit rückläufiger Bevölkerungszahlen werden auch weniger öffentliche Institutionen benötigt. Sachsen-Anhalt ist eines der am stärksten vom Schrumpfungsprozess betroffenen Bundesländer. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2025 weitere acht Prozent der Bevölkerung dem Bundesland verloren gehen - seit 1990 ein Bevölkerungsverlust von 20 Prozent. Für die Bundesrepublik wird bis 2050 ein Rückgang um ca. 11-16% (je nach Zuwanderungsszenario) prognostiziert; Sachsen-Anhalt wird davon überdurchschnittlich betroffen sein. Inwieweit bisherige Verwaltungsreformen im Land darauf eingestellt sind, bleibt fraglich, da diese sich zumeist auf Zusammenlegen von ganzen Verwaltungseinheiten beziehen2 und nur in Ausnahmen die Teilung eines bestehenden Landkreises für die Neugliederung genehmigen. Grenzübergreifende Probleme der Schrumpfung bleiben daher meist unberührt. Bürger zusammengelegter Einheiten müssen daher oftmals einen weiteren Weg zu ihren behördlichen Einrichtungen zurückzulegen,  weil die räumlich nähere in einem anderen Verwaltungsraum liegt.

Daseinsvorsorge und das Zentrale-Orte-System – drei regionale Beispiele

Die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge wird über das Zentrale-Orte-System in den jeweiligen Bundesländern geregelt. Nach aktuellem Landesentwicklungsplan (Fassung 16.2.2011) befinden sich in Sachsen-Anhalt mit Magdeburg, Halle/Saale und Dessau-Rosslau drei Oberzentren als "Standorte hochwertiger spezialisierter Einrichtungen im wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Bereich mit überregionaler und zum Teil landesweiter Bedeutung".3 Von der umfassenden Definition der Oberzentren wird jedoch schon im Oberzentrum Dessau-Rosslau abgewichen: man nimmt einen Agglomerationsraum von 300.000 Einwohner an, der weite Bereiche der umliegenden Landkreise Anhalt-Bitterfeld, Wittenberg und des Salzlandkreises einbezieht. Denn weder ein Universitätsklinikum noch ein ICE/IC Halt existieren im Oberzentrum4. Die Fernbahnhöfe sind in Lutherstadt Wittenberg und Bitterfeld zu finden. Höhere Bildungseinrichtungen (Hochschulen, Berufsschulen) sind in der Region verteilt, Gerichtsbezirke überschreiten Kreisgrenzen. Dennoch müssen Berufsschüler des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, die südlich Dessau‘s wohnen, ihren Ausbildungsort nördlich von Dessau aufsuchen, anstatt auf die nähere Berufsschule in Dessau-Rosslau gehen zu können.  
Der Natur- und Wirtschaftsraum Harz findet seinen räumlichen Zusammenhang über das Mittelgebirge, wird aber durch die Landesgrenzen zu Thüringen und Niedersachsen in drei ungleiche Teile mit divergierenden Prioritäten zerschnitten. Während er für Sachsen-Anhalt eine hohe wirtschaftliche Bedeutung hat, nimmt er in den anderen beiden Bundesländern aufgrund wirtschaftlicher Zentren im Städteband Thüringens und dem Großraum Hannover eher eine untergeordnete Rolle ein. Obgleich der Tourismus über eine gemeinsame Agentur vermarktet wird, stehen alle anderen Wirtschaftszweige in starker regionaler Konkurrenz zueinander. Zudem läuft mitten durch den Hochharz die Solidarbeitragsgrenze zwischen den alten und neuen Bundesländern mit der Folge, dass infrastrukturelle Entwicklungen seit 1990 im westlichen Harz gegenüber denen im Ostharz zurück fielen. Einzig der Nationalpark Hochharz mit ca. zwei Drittel Flächenanteil in Niedersachsen und einem Drittel in Sachsen-Anhalt überschreitet seit 2006 die Landesgrenzen und ist Beispiel für eine strategische, regionale Kooperation. Das Grenzen hinderlich sind zeigt das Beispiel von Gewerbeflächenausweisungen in Sangerhausen und Nordhausen. Obschon keine 40 km voneinander entfernt, werben beide Städte für Gewerbeansiedlungen entlang der Autobahn 38, um sich Steuereinnahmen zu sichern.5 Da zwischen den beiden Städten nicht nur eine Kommunalgrenze sondern auch eine Landesgrenze verläuft, wird der Wettbewerb auch auf Landesebene vorangetrieben.
Die Grenzen des Zentralen-Orte-Systems zeigen sich in der nördlichen Hälfte des Bundeslandes. Die Region Altmark ist so dünn besiedelt, dass kein Oberzentrum Sachsen-Anhalts in ihrer Nähe liegt. Alle dafür notwendigen Einrichtungen sind in der Landeshauptstadt Magdeburg zu finden. In 60 Minuten mit dem Auto6 dorthin zu gelangen ist aus weiten Teilen der Region nicht möglich. Selbst die beiden Mittelzentren Stendal und Salzwedel liegen eher an der Peripherie der Region und sollen dennoch Teile der Funktionen des Oberzentrums übernehmen. Technische und soziale Infrastruktur in der Region aufrecht zu erhalten bedeutet, enorme finanzielle und soziale Anstrengungen zu unternehmen. Die in den 1990er Jahren geschaffenen Wasser- und Abwasserzweckverbände decken riesige Einzugsgebiete ab, ihre neu installierten (und mit 80 Jahren Abschreibung belegten) Leitungsnetze können den Bevölkerungsrückgang in der Region jedoch nicht puffern.

Blick über Grenzen hinaus

Dabei gibt es durchaus positive Beispiele grenzüberschreitender Kooperationen zwischen Nachbarstaaten. Zum Teil sind diese so (über-)lebenswichtig, dass nationale Standards angepasst wurden. In der ältesten, deutsch-holländischen EUREGIO zwischen Enschede und Gronau dürfen Kinder, die nahe der Grenze wohnen, eine näher gelegene Betreuungseinrichtung oder Schule jenseits der Landesgrenze besuchen. Wasserhydranten, wurden beiderseits der Grenze aneinander angepasst, sodass Feuerwehren aus den beteiligten Staaten bei Rettungseinsätzen ungehindert miteinander arbeiten können. Beiden Beispielen ging ein jahrelanger Aushandlungsprozess voraus, der durch das europäische INTERREG Programm unterstützt wurde.
Raumentwicklung unter den Bedingungen des demographischen Wandels und des Klimawandels muss darauf zielen, aus den vorhandenen Ressourcen optimalen Nutzen für die Lebensqualität der Bevölkerung zu ziehen. Dabei muss auf regionale Besonderheiten Rücksicht genommen werden, und der jeweilige Standard der Daseinsvorsorge gesellschaftlich ausgehandelt und spezifisch angepasst werden.
Für die drei oben genannten Beispielregionen Anhalt, Altmark und Harz erfordert das ein Diffundieren der Verwaltungsgrenzen - angepasst an die sich verändernden hoheitlichen Aufgaben. Die Region dabei als „regionalen Stadtraum“ aufzufassen hilft, auf diese Anforderungen in neuer Weise einzugehen. Alle kommunalen Entscheidungen werden dabei weiterhin innerhalb des jeweiligen Identitätsraumes getroffen. Besondere Aufmerksamkeit ist jedoch den Grenzräumen zu widmen, die als Aushandlungszonen mit den Nachbarn zu verstehen sind und Zuständigkeiten differenziert nach den inhaltlichen Belangen regeln, insbesondere wenn der nächste Nachbar erst in einiger Entfernung zu finden ist.
Die Stadt-Umland-Regelung, die sich ursprünglich auf die kreisfreien Städte Halle/Saale und Magdeburg sowie deren umliegenden Gemeinden bezog, bekommt hiermit eine neue Bedeutung. Mit ihr müssen auch über Landkreis- und insbesondere Landesgrenzen hinweg Kooperations- und Handlungsräume geschaffen werden. Räumliche Nähe zu Infrastrukturen und Behörden sollten dabei stärkeren Einfluss haben als Grenzziehungen von Hoheitsgebieten.
Besonders im sehr dünn besiedelten Raum zwischen den Städten Stendal, Wolfsburg und Salzwedel gilt es, Alternativen zu herkömmlichen Formen der Daseinsvorsorge zu fördern. Hierbei können Pionierfunktionen mit stärkeren regionalen bzw. dezentralen Bindungen eine bedeutendere Rolle bekommen. Regenerative Energiegewinnung steht heute schon im Mittelpunkt, sollten jedoch stärker auf regional kooperierende Potenziale aufbauen, anstatt  den großen Energieanbietern überlassen zu werden. Daseinsvorsorge zu gewährleisten bedeutet, Voraussetzungen sozialer Freiheits-, Sicherheits- und Teilhaberechte zu sichern. Es geht nicht nur um Bereitstellung von öffentlichen Dienstleistungen, Gütern und Infrastrukturen der Ver- und Entsorgung im regionalisierten Raum, sondern um die Möglichkeit einer selbstbestimmten Lebensgestaltung der Bürgerinnen und Bürger auf den verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen.
Um das zu erreichen, sind Verwaltungsmodernisierungen mit dem Ziel erforderlich, ein Politikfeld Daseinsvorsorge als übergreifende Strategie für Ressort- und Raumpolitiken zu etablieren. Ziel ist es, die knappen Ressourcen – und das betrifft neben der reinen Messgröße „Geld“ auch Energie, stoffliche, räumliche und zeitliche Inputs sowie menschliche Kapazitäten – mit dem größtmöglichen Nutzen für die Lebensqualität der Bevölkerung und für die Leistungsfähigkeit von Infrastrukturen zur wirtschaftlichen Entwicklung schrumpfender Regionen einzusetzen.

1 Gesetz zur Kreisgebietsneuregelung (LKGebNRG) vom 11.11.2005
2 Gesetz über die Grundsätze für die Regelung der Stadt-Umland-Verhältnisse und die Neugliederung der Landkreise vom 11.05.2005, §6 (5), das Gesetz wurde im Jahr 2010 aufgehoben.
3 Definition von Oberzentren in der Verordnung über den Landesentwicklungsplan 2010 des Landes Sachsen-Anhalt vom 16.02.2011
4  Definition von Oberzentren in der Verordnung über den Landesentwicklungsplan 2010 des Landes Sachsen-Anhalt vom 16.02.2011
5 Interview mit Barbara Rinke, Oberbürgermeisterin Nordhausens im Rahmen des Szenarios „Republic of Harz“ von Stefan Rettich und Kai Dolata der IBA-Überblicksausstellung, Stiftung Bauhaus Dessau,30.03.2010,
6 Verordnung über den Landesentwicklungsplan 2010 des Landes Sachsen-Anhalt vom 16.02.2011

 

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