BAUEN IN DEUTSCHLAND OHNE ARCHITEKT UND PLANER

Fakten

Broschüre
Zeitraum
04.07.2008 - 15.10.2008

Kunde
Universität Kassel

urbikon Verantwortliche
Lola Meyer,

Kollaboration
Boris Sieverts, Anne Fissenwert, Anna Thorn, Christian Piek, Eva Bender, Kjell Herrmann, Ulrike Cromberg

Die Heckpfadsiedlung liegt zwischen der formellen Stadt und einem informellen Bereich

 

Häuseransichten (Boris Sieverts)

 

Zäune, Tore, Hecken, Mauern - beispielhafte Grenzsituationen

 

Das Haus von Frau Arlt, eine der ältesten Bewohnerinnen des Heckpfades

 

Typische Bauweise: Um ein bestehendes Haus werden stufenweise Zimmer angebaut (Haus Arlt)

 

Baubiografie Frau Arlt

 

Mitten in Köln liegt der Heckpfad – eine informelle Wohnsiedlung. Seit nunmehr über 60 Jahren wohnen hier rund 300 Menschen in ca. 100 selbst gebauten Häusern. Ohne Stadtplanter, Architekt oder Landschaftsarchitekt hat sich hier eine Baupraxis entwickelt, sie sich lohnt zu untersuchen. Was sind die Qualitäten dieser Siedlung, was macht sie aus? Wo liegen Defizite? Was sind das für Menschen, die den Mut und die Dreistigkeit besitzten, sich selbständig ein Haus zu bauen – auf einem Grundstück welches ihnen nicht gehört, in einem Gebiet, welches nicht als Bauland ausgewiesen ist und das ohne Bauantrag. Wie genau geht die Baupraxis vonstatten? Wie sehen diese „Baubiografien“ aus und wie ist das An- Um- und Neubauen mit den Lebensbiografien der Bewohner verbunden? Und: was könnte die Zuft der Planer von solchen Siedlungen lernen? Diesen Fragen gingen wir in unserem einwöchigen Sommercamp und dem darauf folgenden Semester nach. Das Ergebnis unser Untersuchung wird demnächst hier als Broschüre zum Download bereit stehen.
 

Auszug aus dem Einleitungstext

von Boris Sieverts

Ich erinnere mich gut an die erste Fasziniertheit, als ich diese Ansammlung von wild zueinander stehenden, unterschiedlichsten, mehr oder weniger improvisiert gebauten, dabei teilweise offenbar schon seit Jahrzehnten bestehenden Häusern zum ersten mal sah. 

Diese Faszination, die im Laufe der Jahre sogar noch zugenommen hat, läßt sich nicht lückenlos erklären. Sie speist sich aus unterschidelichen Motiven: Da ist zunächst das Differenzerlebnis: Man ist gerade mal 5 km Luftlinie vom Kölner Dom entfernt, ist soeben noch durch geschlossene Straßaenräume gegangen oder gefahren und steht auf einmal in einer ländlichen Szenerie, zwischen niedrigen, mit Teerpappe gedeckten Häusern neben regelrechten Villenbauten, Gemüse- und Blumengärten neben Autowerkstätten, halb Balkanvorstadt, halb schlesisches Dorf oder was eigentlich?
Dann ist da der Detailreichtum: Die vollständige oder weitgehende Selbstgemachtheit aller Bauwerke, Einfriedungen, Bodengestaltungen, der durch Gebrauch gezeichnete Belag der unbefestigten oder nur notdürftig geflickten Wege, die, sofern überhaupt vorhanden, aus ihrem bürgerlichen Gestaltungsrahmen gerissenen Statussymbole, das alles erzeugt einen Geschmack, den man in Touristenführern wohl authentisch nennen würde, womit nichts anderes gemeint ist, als daß Menschen und Gegenstände etwas von der Kultur, das heißt der Summe der alltäglichen Begebenheiten und Beziehungen, aus denen sie entstanden sind, erzählen, preis geben, wie auch immer. Das schafft einen Reichtum an erzählerischen Einzelheiten, den man aus der umgebenden, bügerlichen Stadt mit ihrer mehr oder weniger einheitlichen Gestaltung des öffentlichen Raums und der Geschlossenheit ihrer Bebauung nicht gewohnt ist. Diese Vieldeutigkeit verleiht der Siedlung etwas Schillerndes. Sie ist überall zugleich Abenteuer und Idylle, Freiheitsversprechen und Krämerladen, Urtyp und Ausnahme.

 

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