ARCHITEKTUR, KRIEG, ERINNERUNG

Informationen

in "UmBauPresse",
2005
Autoren
Lola Meyer,

In der Stadt Kassel stehen viele Hochbunker wie in vielen anderen Städten Deutschlands auch. Man erkennt sie an ihrer monolithischen Erscheinung, ihrer Masse, ihrem Material oder ihrer Fassadengestaltung. Die meisten dieser Bunkeranlagen wurden im Zweiten Weltkrieg gebaut und dienten dem Schutz der  Zivilbevölkerung bei Bombenangriffen; einige haben noch heute diese Funktion. Dass es sich bei diesen Bauwerken um gebaute Zeugnisse des Krieges handelt, wissen die Meisten. Dass es aber in und unter unseren Städten noch eine Vielzahl anderer architektonischer Zeugen des Krieges gibt, ist kaum bekannt.

Der Begriff "gebauter Krieg" bezieht sich auf die Manifestationen des Krieges in der gebauten Stadt. Es ist die bauliche Antwort der Planer und Architekten auf die jeweilige historische Form des Kriegen, auf die Art der Kriegsführung und der eingesetzten Waffen. Die städtebaulichen und baulichen Antworten auf den Zweiten Weltkrieg lassen sich noch heute in deutschen Städten ablesen. Im Gegensatz zu den für jedermann ersichtlichen Hochbunkern sind andere Teile des "gebauten Krieges" weit weniger sichtbar bzw. lesbar. Diese schwer wahrnehmbaren Zeugen des Krieges offenbaren sich nur vor dem Hintergrund des Krieges selbst.

Luftkrieg und Luftschutz

Bereits der Erste Weltkrieg brachte eine revolutionäre Neuerung in der Kriegsführung: Erstmals wurden Flugzeuge eingesetzt. Erst der Zweite Weltkrieg aber basierte auf dieser neuen Kriegsform, dem Luftkrieg. Der Einsatz von Flugzeugen trug den Krieg weg von den Fronten und hinein in das Hinterland der Staaten. Dieser Luftkrieg war daher kein Krieg in der Luft, sondern ein Krieg aus der Luft auf das Hinterland, speziell auf die feindlichen Industrie- und Rüstungsanlagen und die Infrastruktur, aber auch auf die Bevölkerung. Parallel zum Luftkrieg entwickelte sich der Luftschutz "das Streben, Bevölkerung und Kraftquellen eines Landes gegen Angriffe aus der Luft zu schützen". "Der Luftschutz reichte von groß angelegten Vernebelungsaktionen und dem Aufbau von Scheinanlagen bis in die Bereiche des alltäglichen Lebens". So wurde die Bevölkerung angehalten, nachts die Lichter in den Häusern zu löschen, um den Piloten die Orientierung zu erschweren. Außerdem sollte man seinen Dachboden und seinen Keller ,,luftschutzgerecht" ausbauen mit extra Deckenverstärkungen und Luftschutzgittern.

Wichtige Teile dieser Luftschutzmaßnahmen waren der "städtebauliche Luftschutz" und der "bauliche Luftschutz", die beide bereits seit Ende des Ersten Weltkrieges in Planerkreisen diskutiert wurden. Der städtebauliche Luftschutz beschäftigte sich mit der Gestalt der gesamten Stadt im wesentlichen mit der Anordnung und Größe, der Häuser, der Lage und Breite der Straßen und der Verteilung der städtischen Funktionen. Dir bauliche Luftschutz hingegen befasste sich mit Luftschutzbauwerken, hauptsächlich mit Bunkern, Stollen und Deckungsgräben.

Beide "gebauten Maßnahmen" des Luftschutzes sind noch heute in deutschen Städten. so auch in Kassel wiederzufinden. Wie oben beschrieben, ist nur ein kleiner Teil dieser gebauten Luftschutzmaßnahmen jedem ersichtlich, namentlich die Hochbunker. Die Tiefbunker allerdings, die Deckungsgraben und die Stollenanlagen sind weitgehend unsichtbar, da sie unter der Erde liegen. Oftmals deutet nur eine Tür in einer Mauer oder im Boden auf sie hin. Bisweilen verbergen sich hinter diesen unscheinbaren Eingängen ganze Systeme von Räumen und Gängen.

Mit dem städtebaulichen Luftschutz verhält es sich anders. Zunächst ist die vom Luftschutz geforderte Trennung von Funktionen (Industrie und Wohnen), die geforderte Mindestbreite von Straßen oder die Auflockerung der Stadt wenig eindringlich. Dann ist häufig, so auch in Kassel, schwer nachweisbar, dass die Gestalt der Stadt tatsächlich auf den städtebaulichen Luftschutz zurückzuführen ist. Denn zwischen den Forderungen des städtebaulichen Luftschutzes und der architektonischen Moderne des 20. Jh. gab es starke Überschneidungen, die deutlich werden, wenn man die "Charta von Athen und die Richtlinien zum städtebaulichen Luftschutz miteinander vergleicht. Wenngleich hier unterschiedliche Motive wirksam wurden, forderten doch beide ein funktionalistisches Stadtkonzept.

In Kassel kann dennoch an einigen Stellen nachgewiesen werden, dass der Städtebau an den Prämissen des Luftkrieges ausgerichtet war. Beim Wiederaufbau der ehemaligen Altstadt forderte 1952 der Regierungspräsident eine Änderung des Bebauungsplans von 1950 gemäß den "Richtlinien des städtebaulichen Luftschutzes". Daraufhin wurden die Geschosshöhen in diesem Stadtviertel heruntergesetzt Zudem wurden was ebenfalls den Maßgaben des städtebaulichen Luftschutzes entsprach, die als Blockrandbebauung vorgesehenen Baublöcke an den Blockenden aufgelöst (damit die Druckwelle bei Sprengbomben entweichen kann und bei einem Gasbombenangriff die Luftzirkulation im Blockinneren erhöht wird) Ebenfalls zum städtebaulichen Luftschutz gehört die in Kassel vielerorts gebaute Kammbebauung. Dieser Bautypus wurde 1941 von F. Neufert in einer Studie zum Thema "luftschutzgerechte Stadtstrukturen" entwickelt. Die Kammbebauung zeigte in dieser Studie besondere Eigenschaften bezüglich ihrer Belüftungs- und Verdämmungswirkung. Bei Gasangriffen hätte ein schneller Abzug des Gases stattgefunden und bei einem Sprengbombenangriff hätten die Schuttmassen des zerstörten Hauses den geforderten befahrbaren Korridor freigelassen (siehe auch Abb 8).

In Kassel gab es gegen Ende des Zweites Weltkriegs ca 110 Deckungsgraben, 60 öffentliche Stollenanlagen (plus unzählige private Stollen und Werkluftschutzstollen) und 15 Hoch- und Tiefbunker. Wie viele dieser Relikte es heute noch gibt, ist bislang nicht geklärt, es wird aber vermutlich noch eine Vielzahl geben.

Architektur, Krieg und Erinnerung

Bei allen Unterschieden haben Bunker, Stollen und Deckungsgraben eines gemeinsam: Sie verweisen auf den Krieg und auf jene, die bei den Luftangriffen der Alliierten hier Schutz gesucht haben. Sie verweisen aber auch auf das Leid und Elend der Zwangsarbeiter, die den Großteil der Bunkeranlagen (insbesondere der Stollen) bauen mussten. Nicht nur fanden viele dieser Menschen den Tod bei diesen Arbeiten, es war ihnen auch nicht erlaubt, bei den Bombenangriffen in den Bunkeranlagen Schutz zu suchen.

Diese Verweise auf den Krieg und diese Erinnerungen an den Krieg, erzeugen die Bunkeranlagen auf spezifische Weise. Anders als andere bauliche Erinnerungsträqer wie Denkmale oder Mahnmale, erinnern Bunkeranlagen 'aus sich heraus", d.h. ohne zusätzliche Erklärungen in Form von Hinweisschildern oder Gedenktafeln. Die Bunker erinnern selbständig, kraft Ihrer physischen Gegenwart. Man erkennt an der extremen Bauweise (die Wände eines Bunkers sind mehrere Meter dick, Stollen liegen mehrere Meter unter der Erdoberfläche) sofort die extreme Funktion (den Schutz gegen Bomben) und damit die extreme Situation ihrer Entstehungszeit, den Krieg.

Heute ist die Bedeutung des Bunkers als Schutzraum marginal. Nur wenige Anlagen, die während des Zweiten Weltkrieges gebaut wurden, könnten heute einem nuklearen Angriff standhalten. Abgesehen davon ist ein Atomkrieg, wie er bis in die 80er Jahre befürchtet wurde, heute zunehmend unwahrscheinlich. Gegen den Terrorkrieg aber, gegen die Gefahren von Anthrax und Selbstmordattentätern, vermögen die Bauwerke nichts auszurichten. Ihre ursprüngliche Bedeutung haben die Bunker damit endgültig verloren. Vielleicht aber können sie eine neue Bedeutung erlangen, eins' Bedeutung nicht im militärischen, sondern in kulturellem Sinne.

Denn heute, da die letzten Zeitzeugen, die letzten Verfolgten, die Letzten, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, sterben, verschwindet die gelebte Erinnerung. Bald wird keiner mehr aus seinen eigenen Erfahrungen erzählen können. Die Gesellschaft vollzieht damit zwar nicht einen Schritt in Richtung des Vergessens, aber doch in die Richtung der Abstraktion. Vermutlich wird der Holocaust, die Verbrechen der Naziherrschaft und das Grauen des Krieges noch lange in Geschichtsbüchern, in Filmen und offiziellen Ritualen dokumentiert bleiben. Was jedoch kontinuierlich abnehmen wird, ist der direkte Bezug der Einzelnen zu diesem Ereignis. Schon heute geben manche Jugendliche an, der Zweite Weltkrieg sei für sie emotional ein so weit entferntes Ereignis wie der Dreißigjährige Krieg. Natürlich kann man nicht verhindern, dass der Zweite Weltkrieg emotional in die Ferne rückt. Es sollte allerdings versucht werden verschiedenste Formen zu finden, die Erinnerung an ihn zu bewahren. Denkmale, Bücher und Schulunterricht sind eine Form, eine ganz andere konnten Bauwerke aus der Zeit des Krieges sein - insbesondere die Bunker. Diese baulichen Zeitzeugen könnten qua ihrer Bauweise ein emotionales und eindringliches Erinnern ermöglichen. Solange aber die Bunkerbauwerke unsichtbar in und unter unseren Städten liegen solange sie nicht betreten werden können oder dürfen, solange kann diese Erinnerungsmöglichkeit nicht entfaltet werden. Ziel sollte es daher sein, die vorhandenen Bunkeranlagen zu finden und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

2005 L. Meyer, Artikel: »Architektur, Krieg, Erinnerung«, In: UmBauPresse, Heft 34, März 2005, S. 7-11.

 

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