DER HECKPFAD

Informationen

in "MONU - Magazine on urbanism",
UAS Uni Kassel, 2005
Autoren
Kai Dolata, Lola Meyer,
Herausgeber
Thomas Soehl, Bernd Upmeyer

Mitten in Deutschland, im Kerzen Kölns (knapp 5 km vom Kölner Dom entfernt), prosperiert, was man kaum für möglich halten würde: eine informelle Wohnsiedlung. Bei uns in Deutschland, dem Land der Vorschriften. Ordnung und Bürokratie hat diese regelwidrige Siedlung das überleben geschafft. Jenseits der Ideen und Ideologien von Stadtplanern und Stadtmarketingstrategen sowie jenseits der öffentlichen Wahrnehmung hat sich hier in einer städtischen Nischenlandschaft die Heckpfad-Siedlung entwickelt.

Rund 300 Bewohner praktizieren hier ein Bauen und Wohnen fernab des genormten Wohnungsbaus, abseits von gängigen Baupraktiken, ohne Baugenehmigung, ohne Kredite, ohne eigenen Grund und Boden, ohne Architekt oder Stadtplaner. Bei den Bewohnern handelt es sich dabei aber keinesfalls um Freigeister, Hippies oder Akademiker. Es sind Menschen, die weder neue Lebensformen ausprobieren wollen noch nach einer bestimmten Ideologie oder Weltvorstellung handeln. Es sind auch nicht vornehmlich ausländische Familien oder Flüchtlinge, sondern "ganz normale Menschen": Familien mit Kindern, Rentner, Handwerker, Bauarbeiter, Blumenverkäufer, Krankenschwestern, Menschen, die im Winter zuverlässig die Strassen vom Schnee räumen, die ihr Wohnumfeld sauber halten, ihren Rasen mühen und pflegen, Samstags ihre Autos waschen, Gartenzwerge postieren und weisse Gardinen in den Fenstern hängen haben.

Alles begann 1945: nach dem Krieg war Köln eine der am stärksten zerstörten Städte Deutschlands. Am Heckpfad, wie auch andernorts, pachteten Familien von Bauern Land, um darauf provisorische Behausungen zu errichten.

Die Stadt war erleichtert, dass sich Ausgebombte, Flüchtlinge und Heimkehrer auf privatem Land selbst ein Obdach bauten - entledigte es sie doch der Aufgabe, Wohnraum bereit stellen zu müssen.

Später, insbesondere in den 60er und 70er Jahren, als andernorts neuer Wohnraum geschaffen wurde, riss man diese "wilden Siedlungen" ab und brachte die Bewohner in modernen Gebäuden unter. Doch der als temporär gedachte Zustand am Heckpfad hat sich erhalten und über die Jahrzehnte hinweg verfestigt. Mittlerweile wohnen in den etwas über 100 Hütten / Häuschen / Häusern drei Generationen: die Alten, die hier z.T. seit der Nachkriegszeit leben, deren Kinder und mittlerweile auch die schon halberwachsenen Enkel. In einigen Fällen, so ein Bewohner der Siedlung, seien die Eltern weggezogen, die Kinder jedoch, als sie alt genug waren, wieder zurückgekommen. Ganz offensichtlich gefällt es den Menschen hier. Einerseits hängt das sicher mit der guten Lage und dem Preis zusammen: nah an der Stadt und doch im Grünen, und das für 25 Cent pro Quadratmeter im Monat - wo hat man das sonst? Andererseits kommen den Menschen die gestalterischen und planerischen Freiheiten zugute. Bei Familienzuwachs wird ohne viel Aufhebens -sprichwörtlich über Nacht - einfach ein Raum angebaut...

Viele haben nach dem Krieg angefangen mit einem Fertigteilhaus (6x5 m) und über die Jahre hinweg immer wieder variiert - angebaut, umgebaut, ausgebaut; ganze Baukonglomerate entstanden.

Boris Sieverts, Künstler, Reiseleiter und Kölner Stadtführer, hat am Heckpfad zweierlei Bautypologien bzw. -strategien ausgemacht - zum Einen die "Fladen", bei der der Wohnraum immer wieder - mehr oder weniger konzentrisch - um den Ursprungsbau erweitert wurde und zum Anderen die "Satelliten", bei der weitere Bauten verteilt auf dem Grundstücks zu dem Ersten hinzukamen.

Ein Grund, dass sich die Siedlung bis heute halten konnte, liegt im fehlenden Vorhandensein einer sowohl öffentlichen als auch administrativen Wahrnehmung. öffentlich weil sich hierher, in das schlecht erschlossene Niemandsland der innerstädtischen Peripherie mit Friedhof, Naturschutzgebiet und Bahntrasse, selten ein Spaziergänger verirrt, geschweige denn ein Tourist. Zudem ist die Anbindung an die umgebenden Stadtteile äusserst dürftig und Nachbarn gibt es auch keine in der Nähe.

Ökonomisch bei jenen, die sich mit Grund und Boden und Immobilien beschäftigen: den Maklern und Spekulanten, dem Wohnungsmarkt insgesamt. Denn das Gelände ist bis heute als Gartenland ausgewiesen und obendrein auch noch vorgehalten für einen eventuellen Weiterbau der äusseren Kanalstrasse. So ist es nicht verwunderlich, dass das Areal auf der Bodenwertkarte Kölns noch nicht einmal angegeben wird.

Den administrativen Behörden Kölns ist die Siedlung durchaus bekannt, auch ihr rechtlicher Status - aus ihrer Sicht: illegal. Doch was tun? Räumung und Abriss wären langwierig und würden Proteste hervorrufen. Ausserdem müsste die Stadt für Wohnraumersatz sorgen, was bei der heutigen Wohnungsmarktsituation eine schwer lösbare Aufgabe wäre. Deswegen, so scheint es zumindest, war es bislang angenehmer, einfach wegzuschauen. Dies gelang auch mehr oder weniger - zumindest solange sich die Bewohner unauffällig verhielten, keine Ansprüche an die Stadt stellten und gemässigt und angemessen bauten, übersahen die Behörden sie geflissentlich. Ein gegenseitiges Leben und Leben-lassen

Doch seit einigen Jahren funktioniert der unbesiegelte Pakt nicht mehr. Nachdem einige Bewohner ihre Häuser so stark erweitert und ausgebaut hatten, dass diese nicht annähernd temporär und bescheiden aussahen und seit in der Siedlung auch kommerziell gebaut und vermietet wird, greift die Stadt vermehrt ein. Illegale Aus- und Anbauten werden streng mit Geldstrafen belegt bis hin zum verordneten Abriss. Ausserdem versucht sie einen sozial verträglichen Leerzug. Stirbt oder zieht ein Bewohner weg, versiegeln die Behörden das Haus und entziehen es so der Wiedervermietung oder Weitergabe. Aufgrund dessen stehen schon rund ein halbes Dutzend Häuser leer und verfallen.

Dennoch, das Planungsamt arbeitet an einem Bebauungsplan für das Gelände - sozusagen eine  nachträgliche Legalisierung der Verhältnisse. Nur: wenn er beschlossen ist, müssen die Gebäude, die nicht den Bauvorschriften entsprechen, trotzdem abgerissen oder umgebaut werden. Zudem steigt der Wert des Bodens durch die Ausweisung als Bauland und die Besitzer könnten sowohl die Pacht erhöhen als auch die Verträge kündigen und die Parzellen lukrativ verkaufen oder selbst Bebauen.

Es scheint demnach besiegelt: so oder so wird sich die Siedlung über die nächsten Jahre langsam auflösen. Mit ihr wird auch die Erinnerung an die "wilden" Nachkriegssiedlungen verschwinden. Doch: sind es wirklich Relikte aus vergangenen Tagen die man hier begräbt oder kann man sie nicht auch statt als Überbleibsel von gestern als Wohntypus von morgen lesen? Immerhin könnte diese Art zu bauen und zu wohnen eine mögliche Antwort auf verschiedene Gegenwartsphänomen sein. In Zeiten sinkender Löhne, stetiger finanzieller Unsicherheit allzeit lauernder Mobilitätsanforderungen und Splitterfamilienkonstellationen, würde es vielen Menschen helfen ohne grossen Kostenaufwand flexibel, d.h. rückbau- und erweiterbar in eigener Regie bauen zu können.

Darüber sollte zumindest nachgedacht werden. Dabei wäre es allerdings hilfreich, wenn man die Bau- und Wohnstruktur, die sich am Heckpfad in Selbstorganisation entwickelt hat, ausgiebiger untersuchen würde. Das allerdings müsste bald geschehen - bevor de Siedlung ausstirbt.

 

 

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