FIND THE GAPS

Informationen

in "Garten+Landschaft",
Callwey Verlag, München, 2006
Autoren
Kai Dolata, Michael Grzesiak, Sebastian Stiess,

»Welcome to the GAP, Mr. Yamamoto« wird John Anderton in einer nicht ganz so weit entfernten, aber dennoch fiktiven Zukunft von einer virtuellen Frauenstimme in einem Einkaufszentrum empfangen. Die Begrüßung ist aus Steven Spielbergs Verfilmung von Phillip K. Dick’s Buch »Minority Report«. Mr. Yamamoto ist nicht Yamamoto, sondern John Anderton mit fremder Identität, um in der realen Welt unerkannt zu bleiben. Und Anderton wird mit seiner neuen Identität in der Lücke aufgenommen. Eine Lücke, die, nachdem als solche erkannt, wieder Teil der »normalen« Welt wird. So gesehen bedeutet der Begriff »gap« nicht mehr als eine temporäre Erscheinung, die im Moment der Entdeckung wieder Teil des Systems wird.
Dass junge Architekten auf dem Weg zur ersten eigenen Baustelle Lücken suchen und dabei nicht nur Gebäude entwerfen, ist bekannt. Mit der schwierigen Konjunktur, in der das Bauen einigen wenigen vorbehalten bleibt, stellt sich die Frage, ob nicht genau diejenigen eine Nische besetzen, denen dieses Privileg zuteil wird. Anders gesehen, könnte man behaupten, die Definition dessen, was Architekturausbildung beinhaltet und leistet, ist viel zu eng gesetzt und hält mit den Möglichkeiten eines Diskurses über die heutige Diversifizierung gebauter Umwelt nicht Schritt. Wer, wenn nicht LandschaftsArchitekten, sind die Experten für gebaute Umwelt? Und dafür stehen nicht nur Gebäude und Gärten, sondern ebenso Brachflächen, Infrastrukturanlagen, Autobahnen oder künstlichen Landschaften stillgelegter Tagebaue. Sind diese Beispiele Lücken oder normale Betätigungsräume?

urbikon sieht sich in dieser Diversifizierung als Kommunikator zwischen verschiedenen Disziplinen. Wir befassen uns mit Projekten aus Theorie und Praxis gebauter Umwelt zwischen Städtebau/ Architektur, Design und Kunst, ohne eine strikte Trennung zwischen »angewandter« und »freier« Arbeit. Unsere »Nische« ist das breite Spektrum, sie liegt im Suchen von Flexibilität, in der Anpassung an verschiedene Systeme und deren Spielregeln und der Möglichkeit, weiterhin spezielle Generalisten zu sein. Mancher Auftraggeber sucht hier ein klares Profil, doch meist wird das Potential der Vielfältigkeit gesehen, eröffnet es doch neue Perspektiven nicht nur auf Vorhandenes.

urbikon city:
urbikon besitzt kein Manifest zur Stadt, sondern eher eine Methodik in der Betrachtung, Planung und Gestaltung und einen kritisch-realistischen Blick auf die Situation unserer Umgebung. Ergebnis, Mittel und Wege sind offen und werden mit jeder Arbeit neu definiert. In der Stadt, die uns umgibt, stehen Wachstum und Verfall Seite an Seite. Es gibt nicht »die Stadt« für uns, sondern in jeder Aufgabe steckt eine neue Stadt.
Start unserer gemeinsamen Arbeit war 2000 das Diplom »anderes-dresden.de«, die Suche nach einem Dresden jenseits von Semperoper und Frauenkirche, einer Stadtentwicklungsstrategie für ein Dresden der interessanten Orte, der Potenziale und der kleinen Projekte. Nicht als Gegenentwurf sondern mit einem Blick auf Anderes.

In unserem Planungsansatz versuchen wir Projekte mit einem inhaltlichen Statement zu verbinden; Ideen und Gestaltung zu entwickeln, die über die »bloße« Formgebung und Planung hinaus gehen. Dabei ist es zur Herausforderung geworden, mit Konnotationen von Nutzungen, Formen und Materialien zu spielen, Erscheinungsbilder in Frage zu stellen, scheinbare Eindeutigkeiten fremd zu nutzen, Zweideutigkeiten zu erzeugen, das Positive im vermeintlichen Nachteil zu finden (und manchmal anders herum). Das Ergebnis ist nicht zwingend ein Gebäude. Veranstaltungen wie »urban safari«, eine virtuelle Großwildjagd auf einer innerstädtischen Brache zum Thema wiederkehrender Flora und Fauna auf Brachflächen, oder die Grafik »Dresden History-Park« als Beitrag zur Ausstellung »Der Blick auf Dresden« sind nur zwei Beispiele.
Oft steht eine besondere Aufgabenstellung oder Rahmenbedingung am Anfang, sei es durch das Thema, das Budget oder aus einem anderen Grund. Aufgaben auf die es keine Routineantworten gibt. Bestimmte Themen, die auf Grund fehlender Renditeaussichten keinen Auftraggeber finden, führen zur Selbstbeauftragung, wie z.B. unser umstrittenes Architekten-Shirt zum Thema Arbeitslosigkeit unter Architekten oder unser Büro »L’Office« in einem umgebauten Robur-Bus. Die Transformation eines Industrieproduktes aus DDR-Fabrikation in eine mobile Dienstleistungseinheit. Als fahrbarer, flexibler Raum zur Bespielung von Stadträumen und Brachen konzipiert, kann er auch als Veranstaltungs- und Ausstellungsraum gemietet werden; zuletzt für die Ausstellung »SFX - Spontane Öffentlichkeiten« des Westfälischen Kunstvereins.
Was urbikon eint, ist das Interesse an der Auseinandersetzung mit gebauter Umwelt. Architektur ist nicht nur Bauen, sondern auch ihr Abbild in unseren Köpfen, die Stadtsilhouette auf dem Souvenir, die Kommunikation von Stadt und Raum. Bei der Ideenentwicklung verknüpfen wir schon mal finanziell ertragreiche Aufträge inhaltlich mit selbst entwickelten Projekten. So war eine Studie zum Umgang mit industriellem Wohnungsbau der DDR, die in freier Mitarbeit im Büro für urbane Projekte, Leipzig entstanden ist, Ideengeber für das kleine Internet-Spiel »P2-Ripdown«. Damit haben Nutzer die Möglichkeit, den am häufigsten realisierten Gebäudetyp der DDR auseinander zu nehmen. Hinter der kleinen Anwendung steckt zusätzlich das Umbaupotenzial der geschmähten Platten und kann hier von Jedermann ausprobiert und veröffentlicht werden.

Einer der mittlerweile direkt beauftragten Arbeiten bestand darin, auf Abrissflächen von Plattenbauten in der gesellschaftlichen Realität der Großwohnsiedlung Leipzig-Grünau Folgenutzungen zu entwickeln. Ergebnis unseres Vorschlags ist eine zeitgenössische Variante des öffentlichen Grillplatzes, eine populäre gesellschaftliche Nutzung, die Menschen unterschiedlichster Sozialisierung zusammen bringen kann. Die von uns entworfenen und produzierten Elemente verbinden Ikonen des sozialistischen Wohnungsbaus und der Marktwirtschaft: Beton und Einkaufswagen.

Im gleichen Stadtteil gestalten wir die zur Fußgängerzone gelegene Schaufassade des Freizeittreffs »Völkerfreundschaft«. Die Aufgabe bestand darin, dem Gebäude – eine simple Kiste –, unter dessen Dach sich so unterschiedliche Aktivitäten wie Bandprobe, Betriebsweihnachtsfeiern und Seniorengymnastik zusammenfinden, eine attraktive Außenwirkung möglichst unter Bürgerbeteiligung zu geben. Die Tücken der Partizipation, die Berücksichtigung vieler individueller Vorstellungen nutzen wir als Potenzial für den Entwurf. Über Postkarten und ein online-Formular konnten die Nutzer des Gebäudes, Anwohner oder Interessierte ihren achtstelligen Beitrag einsenden. Neun der Einsendungen wurden ausgelost, über den EAN Strichcode verschlüsselt und daraus die Fassade gestaltet, die im Frühjahr 2006 realisiert wird.
Zusätzlich erhellt die Fassade die Lichtinstallation »halley«. Eine Abfolge von Bewegungsmeldern – häufig als Abschreckungsmittel rund ums Eigenheim genutzt – wird entlang der Fassade mit sehr kurz angesteuerten, darüber liegenden Lichtern gekoppelt. Vorbei gehende Passanten lassen das Gebäude kurzfristig aufleuchten und ziehen in ihrer Bewegung einen Lichtschweif hinterher. Die Fassade interagiert mit dem Stadtraum. Je mehr Aktion am Gebäude stattfindet, desto heller erscheint es.

In der Geschwindigkeit in der heute Lebensstile geboren, Materialien entdeckt, Produkte entwickelt, Grenzen verschoben werden, Städte schrumpfen und Megacities wachsen, Krise und Boom sich abwechseln, ist es nicht verwunderlich, dass unsere bauliche Umwelt sich beschleunigt verändert. In diesen Veränderungsprozessen unserer Zeit sehen wir den Bedarf zu reflektieren und zu gestalten. Letztendlich sind wir Architekten und arbeiten an der Erweiterung dessen, was darunter verstanden wird.

Kai Dolata, Michael Grzesiak, Sebastian Stiess – urbikon.com

 

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