KULTUR IST DAS ÜBERFLüSSIGE NOTWENDIG ZU MACHEN

Informationen

in "COOP urban Stories",
8/2009
Autoren
Kai Dolata, Lola Meyer, Michael Grzesiak, Sebastian Stiess,

Links

Ausstellung COOP - Urban Stories

Urbikon.com widmet sich der konzeptuellen Reflexion und der Gestaltung von Stadt, Architektur und Design. Urbikon.com versucht dabei zwei Fragen zusammenzubringen; a) die Frage nach den Funktionsweisen, dem Sinn und Zweck von Stadt(raum) und b) deren (äusseren) formalen Erscheinungsformen. Mit eigenen Objekten, Installationen und Entwürfen werden Situationen und Kontexte thematisiert. Für das COOP-Projekt  zeigt urbikon.com vier Arbeiten, die sie aus dem Kontext der Stadt Vilnius entwickelt haben. Diese Objekte nehmen Bezug auf den Fall des eisernen Vorhangs und die aktuelle Wirtschaftskrise:  Cooker, Sleeper, Shelter, ShopSideDown.

Diese Gerätschaften sind eine Serie von Arbeiten aus transformierten Einkaufswägen. Shoppingcarts sind globales Produkt und virtuelles Symbol für die Entwicklung zeitgenössischer Zivilisationen, vielleicht sogar ein Synonym für die Globalisierung und freie Marktwirtschaft an sich. Wachstum generiert neue Bedürfnisse und zugehörige Produkte, die genau festgelegte Funktionen erfüllen. In Zeiten von Umbrüchen, Mangel oder Krisen verlieren Gegenstände ihren Nutzen, werden fremdgenutzt neu konnotiert.

Die Entwicklung von Städten kann auch als Bildung von Orten wachsenden Geldtransfers gelesen werden. Mit dem Fall des eisernen Vorhangs haben sich für die betroffenen Städte neue Regeln dieses Transfers ergeben, Chancen der »freien« Wirtschaft. Die nachholende Modernisierung bringt Neubauten, Shoppingmalls, Industrie- und Gewerbegebiete. Das Wachstum der Nachwendezeit gestaltet die kommerzialisierten urbanen Bereiche und zitiert die globale Syntax aus Stahl, Glas und Beton.

Raum und Fläche die nicht an diesen Geldtransfer gekoppelt sind, wie etwa große Teile des öffentlichen Raums, bleiben oft ungenutzt und ungestaltet zurück. Es entstehen Nischen, identifikatorische Vakuen, blinde Flecken in der Stadtstruktur. Krisen geben Bereiche wieder frei und lassen Zivilationen wieder auf archaischere Systeme zurück fallen. Urbikon.com thematisiert diese Diskrepanz aus Fokussierung und Vernachlässigung, Inbesitznahme und Freigabe von Raum durch eine Rückführung von Einkaufswägen in archaische Nutzungen für Grundbedürfnisse von Zivilisationen: Essen/ Kochen, Ausruhen/ Sitzen, Wetterschutz/ Sich unterstellen, Sich reproduzieren/ Kinderbett.

Urbikon.com spielt mit Funktionalismus und Disfunktionalität durch Fremdnutzung von Gegenständen und bringt deren Symbolik und Materialität in einen anderen Kontext. Die Mobiltät der Objekte bleibt durch deren Rollbarkeit erhalten. Sie können zusammen gefaltet und bewegt werden und sich damit schnell räumlichen Veränderungen anpassen. Die Objekte setzen sich aus einfachen Teilen, oft Abfallprodukten, zusammen und eröffnen neue Nutzungsmöglichkeiten. So könnten die Gerätschaften den informellen ökonomischen Sektor unterstüzten indem sie zu Darbietungs,- Verkaufs,- oder Dienstleistungszwecken eingesetzt werden. Gleichzeitig bleibt es offen, ob sie kommerziell genutzt werden oder privat, also im öffentlichen oder im privaten Raum. In Vilnius werden sie in einem leer stehenden Krankenhaus gezeigt, das für eine öffentliche Ausstellung fremdgenutzt wird. Die Objekte erzählen ihre eigenen Geschichten, parallel zum allseits propagierten Fortschritt und Wachstum, so wie auch Individuen Ihre Ziele und Aufgaben in Krisenzeiten neu definieren müssen.

 

© 2001 - 2013 urbikon.com   |   Impressum   |   Letzte Änderung dieser Seite: 06.12.2010 | 12:36