PARTIZIPATION REVISITED

Informationen

in "EichbaumOper",
12/2010
Autoren
Jan Bovelet,
Herausgeber
ringlockschuppen Mülheim

Partizipation bedeutet Teilhabe. Um teilhaben zu können, muss man ein Bild davon haben, woran man teilhat. Deshalb kann Partizipation nicht in der top-down gewährten Wahl zwischen vorgefertigten Alternativen bestehen. Partizipation kann nur durch die bottom-up Teilhabe an der Fertigung von Alternativen entstehen. Diese Konzeption führt geradewegs in ein Dilemma, das jede Professionalisierung mit sich bringt: eigentlich müssten wir alle Stadtplaner sein, um eine Stadt für alle zu planen. Aber wir sind Städter; wir teilen unsere Arbeit.

Arbeit teilt sich nicht von allein, wir müssen Wege finden, Arbeit sinnvoll zu teilen. Die Geschichte fordert uns auf, den Arbeitsprozess zu gestalten. Stadtplaner und Städter müssen in ein produktives Verhältnis zu einander gesetzt werden. Und zwar produktiv nicht im Sinne der Ökonomie, denn die Kommodifizierung des urbanen Habitats ist nur eine von verschiedenen Sichtweisen auf die Stadt; dazu eine, die, wenn sie dominant wird, eine zerstörerische Wirkung entfalten kann.

Der Schlüssel zu Partizipation besteht in der Teilhabe der Städter nicht nur an den Ergebnissen der Stadtplaner, sondern auch und gerade an ihren Methoden und Arbeitsprozessen.  Stadtplaner müssen mit den Städtern zusammen arbeiten, damit die Städter Gelegenheit haben, einen Blick in ihre Werkzeugkisten zu werfen. Wie sonst sollte jemand z.B. über einen Plan entscheiden, der noch nie mit und an einem Plan gearbeitet hat?

Pläne sind allerdings ein sehr komplexes Amalgam aus verschiedensten Techniken und Konventionen. Aber sie sind bei weitem nicht das einzige Mittel der Stadtplanung. Stadtplaner arbeiten mit vielen Mitteln: mit Zeichnungen, Messungen, Texten, Berechnungen, Bildern und Modellen zum Beispiel. Ein Mittel, das urbikon.com besonders für die gemeinsame Arbeit von Experten und non-Experten geeignet zu sein scheint, ist das 1:1 Modell. Die Arbeit mit 1:1 Modellen im urbanen Raum findet in einem Feld statt, für das es bis jetzt noch keinen Namen gibt. Man könnte es etwa so beschreiben, dass in Analogie zum Verhältnis von Architektur und Innenarchitektur dem Städtebau eine solche Komplementärdisziplin fehlt. Vielleicht könnte man das ‚Innenstädtebau‘, oder ‚Stadtinnenarchitektur‘ nennen.

Je urbaner eine Gesellschaft wird, desto mehr Individuen leben in der gleichen Architektur. Aus dieser Situation heraus entstehen individuelle Bedürfnisse, mit denen sich Innenarchitekten beschäftigen. Eine Stadtinnenarchitektur hat sich bis jetzt dagegen noch nicht entwickelt, weil nicht so genau klar ist, wie man die Bedürfnisse einer Gruppe Städter überhaupt erfassen soll. Was ist ein urbanes Individuum? Wenn man es wissenschaftlich-analytisch angehen wollte, könnte man sich an der Ethnologie und der Sprachphilosophie orientieren, die uns zeigen, dass partizipative Entscheidungen immer mit gemeinsamen Handlungen verbunden sind. Und gänzlich nicht wissenschaftlich-analytisch sei hinzugefügt: urbikon.com mag die Städter.

Mit dem 1:1 Modell baut man keine Stadt. Das 1:1 Modell kommt dort zum Einsatz, wo es schon Stadt gibt. In Analogie zur Innenarchitektur zielt die Stadtinnenarchitektur in einem weiten Sinn auf so etwas wie die Möblierung der Stadt. Analog wie es der Innenarchitektur um die Gestaltung und Individualisierung eines in weiten Teilen gegebenen Innenraum geht, geht es in der Innenstadtarchitektur darum, mit den Städtern den Stadtinnenraum gestalten.

Genau wie die Einrichtung von Wohnungen hat die Einrichtung von urbanen Orten einen zeitlichen Horizont. Stadtinnenarchitektur versteht sich temporär. Entsprechend versteht sie auch 1:1 Modelle als Mittel der temporären Indikation, die einerseits darauf abzielen, räumliche Möglichkeiten aufzuzeigen und utopisches Potential zu kanalisieren, und andererseits - und hauptsächlich - darauf, Teilhabe der Städter an der kreativen Gestaltung der Stadt zu organisieren. Die Planung selbst muss in den Stadtinnenraum herein geholt werden.

Partizipation hat wenig zu tun mit der Bekanntmachung von Planfeststellungsverfahren am schwarzen Brett des Rathauses. Sie kann überhaupt nicht allein durch ein formales Verfahren realisiert werden. Sie braucht die Präsenz vor Ort, sie braucht das gemeinsame Arbeiten an und mit Methoden und sie braucht Begegnung von Städtern und Stadtplanern. Dies kann nur gelingen, wenn die Innenstadtarchitektur es schafft, geeignete politische Formate zu erschließen und zu erfinden, wenn sie ihre Idee von Stadt und ihre Methoden debattiert, und - besonders - die Bekanntschaft mit den Städtern pflegt und gestaltet. Denn nicht die Alibi-partizipatorische Wahl zwischen gegebenen Alternativen ist entscheidend, sondern die Teilhabe an der Gestaltung von Alternativen.

 

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