SüDWESTFALEN - (M)EIN BLICK AUS DER HAUPTSTADT UND VON OSTEN HER

Informationen

in "Südwestfalenkompass 3.0: Seitenblicke",
9/2011
Autoren
Kai Dolata,
Herausgeber
Südwestfalen Agentur GmbH, Olpe Konzeption: Scheuvens+Wachten, Dortmund

Die Region Südwestfalen

 

Zuerst fragt man sich: 'Südwestfalen? Wo's'n dat?'

OWL [Ostwestfalen-Lippe] kennt man ja. Mit Teutoburger Wald, Bertelsmann und Dr. Oetker, Porta Westfalica, Weserdurchbruch und Hermannsdenkmal, Bielefeld, Gütersloh und Paderborn gibt es trotz fehlender Metropole eine hohe Dichte an Kultur(geschichte), Natur und Wirtschaftszentren. Als Planer weiß man auch, dass die Provinzen Ostwestfalen und Lippe erst nach dem zweiten Weltkrieg zusammengefasst wurden und dennoch ihre Eigenständigkeiten bewahren konnten. Aber Südwestfalen? Muss wohl südlich davon liegen.

Recherchiert man über die Region, tauchen Begriffe auf, die einem schon geläufiger sind: Wittgenstein, Sauerland und Siegerland, Orte mit Jahrhunderte alter, geschichtlicher Prägung. Und Lüdenscheid kennt jedermann spätestens seit Loriots Badewannenposse, wenn auch eher im Zusammenhang mit einer Ente als mit einer Stadt. Doch macht diese Ansammlung von Begriffen schon eine Region? Was steckt hinter Südwestfalen? Eine Antwort ist nicht so einfach.

Nordrhein-Westfalen besteht aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland, der Eifel, dem oben genannten OWL, dem Münsterland und -tja- eben dem Rest. Dieser hat sich im Rahmen der Regionale 2013 einen gemeinsamen Schirm zugelegt. Unterschiedliche Geografien und Biografien machen diese Entscheidung nicht einfach. Doch die Region hat sich fest vorgenommen, ein gemeinsames Wirtschafts-, Tourismus-, Natur- und Bevölkerungskonzept zu entwickeln und umzusetzen. Dabei hilft die Regionale 2013 und die Südwestfalen Agentur – im regionalen Maßstab gemessen – mit beachtlichen Erfolgen.

Doch zuerst einmal: Wie kommt man hin? Der Weg von Berlin aus ist beschwerlich. Direktverbindungen mit der Bahn gibt es nicht (so wie nach Ostwestfalen) und Autobahnen tangieren allerhöchstens den Landstrich. Um anzukommen, benötigt man Zeit und Geduld. Ist man erst da, belohnen einen Landschaft und Langsamkeit. Navigationsgeräte können hier getrost "schönste Route" als Standard anbieten, denn andere gibt es selten.

Man kommt also von Norden über Soest oder von Süden über Siegen an. Siegen ist die einwohnerstärkste Stadt und heimliche Hauptstadt der Region - im Krieg zu großen Teilen zerstört und im typischen Nachkriegsstil der 1950er und 60er wieder aufgebaut. Seit bereits 50 Jahren zieht die Siegerlandhalle, deren Bekanntheitsgrad weit über die Region hinaus ragt, nationale und internationale Stars an, um ihnen eine große Bühne zu bereiteten. Großes Theater zeigte auch die Geschichte der Apollo Spielstätte, die - frei nach Beckett's "Warten auf Godot" fast 50 Jahre benötigte, um feierlich Ensemble und Publikum übergeben zu werden. Gute Dinge brauchen manchmal eine Weile und manchmal auch länger, um wirklich gut zu werden.

Um Siegen kommt man nicht herum. Die einzige Universität Südwestfalens hat dort ihren Sitz. Höhere Bildung erfährt man außerdem in der Fachhochschule Südwestfalen mit ihren Standorten Iserlohn, Hagen, Meschede und Soest sowie dem Studienort Lüdenscheid. Diese Verteilung weist bereits auf eine strukturelle Eigenschaft hin, die sich vielerorts wiederholt: das Einzelne ist zu klein, um ernsthaft wahrgenommen zu werden, in der Gemeinschaft aber liegt die Kraft. Darauf baut auch die Regionale 2013.

Und davon benötigt Südwestfalen in Zukunft viel. Denn auch hier verlieren Städte und vor allem der ländliche Raum Einwohner durch Abwanderung und Überalterung, mit allen verbundenen Konsequenzen: Wegfall von technischer und sozialer Infrastruktur, Rückzug aus der Fläche, höhere Kosten für öffentliche und private Dienstleistungen. Erfahrungen damit haben gerade ostdeutsche Landstriche in den vergangenen Jahren zuhauf gesammelt: mit positiven und negativen Ergebnissen, die sich Südwestfalen zunutze machen kann. Kooperation (statt Kirchturmdenken) und Ko-Existenz (statt blödsinniger Wettbewerb zwischen Nachbarn) sind die Schlagworte. Will Südwestfalen als eine Region punkten, sollte sie es schaffen, intern Synergien zu bündeln, diese stark nach innen und außen zu kommunizieren, hin und wieder auf Beispiele anderer (zusammengeschlossener) Regionen zurückgreifen, dabei durchaus Experimente wagen (und damit einhergehend Fehler zulassen und eingestehen). Dann könnte aus dem Konstrukt Südwestfalen tatsächlich eine Marke werden wie OWL und man kommt gern hin und bleibt, auch wenn oder gerade weil es etwas länger dauert.

 

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