KUNSTHAUS DRESDEN

Fakten

10.12.2004, 19:00 Uhr

Ort

Kunsthaus Dresden
Rähnitzgasse 8, 01097 Dresden
(auf Karte anzeigen)

Veranstalter

Kunsthaus Dresden


urbikon verantwortlich
Kai Dolata, Michael Grzesiak, Sebastian Stiess,

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Fast 4 Jahre sind vergangen, seitdem wir an der TU Dresden unser Diplom, das alternative Stadtentwicklungsmodell „anderes-dresden“  im wahrsten Sinne des Wortes verteidigt haben. Seitdem ist einiges geschehen:

Der Name urbikon steht seit 2002 als Marke für eine andere Sicht- und Behandlungsweise des urbanen Raumes. Mit diesem Namen vertreten wir Ansätze temporärer und prozessualer Planungsstrukturen genauso wie die Gestaltung von Innen und Außenräumen. Unterschiedlichste städtebauliche Entwürfe, wie z.B ein Entwicklungskonzept für den Hochhausstandort Duisburg Hochheide oder eine Studie zum Industriellen Wohnungsbau der DDR in Magdeburg haben unseren beruflichen Werdegang begleitet. Wir arbeiten in unterschiedlichen Kollaborationen mit Planern, Künstlern, Designern, Grafikern, Kommunen, etc. Die Liste ist lang, die Ergebnisse dementsprechend vielfältig. Unseren in der Diplomarbeit gefestigten theoretischen Kontext haben wir dabei weiter ausgebaut.


Die Ausgangssituation ist in den meisten Fällen die Gleiche: auf der demographischen Seite steht der anhaltende Bevölkerungsschwund durch Wegzug und Überalterung und damit verbunden die schwächer werdende ökonomische Struktur und abhängig davon soziale und kulturelle Verschlechterungen. Auf der Planerseite wird dennoch in vielen Städten an starren Masterplänen festgehalten. Dresden ist nur ein Beispiel davon. Der Anfang der 90er Jahre erstellte Masterplan der Innenstadt baute auf eine Entwicklung unter Wachstumsbedingungen auf. Die Europäische Stadt sollte sich in der sächsische Landeshauptstadt ebenso widerspiegeln wie in Paris oder London. Doch die Dichte, die Dresden vor seiner Zerstörung am Ende des 2. Weltkrieges genossen hat, ist auch mit den besten Prognosen nicht wieder herzustellen. Das Gegenteil ist der Fall: es gibt schon jetzt von Allem genug, 1 Mio. Quadratmeter Bürofläche und tausende Wohnungen stehen leer. Zwar hat sich Dresdens Einwohnerzahl stabilisiert, doch die Demographen sagen eine weitere Dramatisierung des Status Quo voraus. Eine neue bzw. andere Denkweise in Planerkreisen muss daher Einzug halten!!

Wir haben anderes dresden auch erstellt, weil in uns Zugezogenen eine gewisse Ohnmacht Einzug hielt, die nicht erklärbar schien. Eine Form von Stagnation hat sich in der Stadt ausgebreitet. Anderes Dresden sucht seine Ansätze in objektiv und subjektiv erkennbaren Defiziten Über die detaillierte Erforschung des urbanen Raumes – hauptsächlich im Bereich des so genannten 26er Ringes – über Interviews mit verschiedenen Menschen der Stadt, über eine offenen Diskussionsplattform und über die Beteiligung an seinerzeit aktuellen Veranstaltungen zu Stadtentwicklung haben wir unterschiedlichste Erkenntnisse gewinnen können. All diese Informationen, gepaart mit Film-, Ton- und Zeitungsausschnitten wurden von uns gesammelt und in einem frei zugänglichen Archiv eingestellt.

In der sich beschleunigenden Veränderung von Stadt, die keine Pauschallösungen und finale Bilder mehr erlaubt, müssen die ständig neu entstehenden Situationen gemeinschaftlich reflektiert werden. Experten wandeln sich von allein herrschenden Schöpfern zu Beratern und Moderatoren. Deshalb ist es das Hauptziel des Portals „anderes-dresden“, Ideen darzustellen, Position zu den Geschehnissen in der Stadt zu beziehen, Diskussion, Meinungsäußerung und Ideen Anderer anzuregen. Das Portal dient der Ausbildung verschiedener Identitäten von Stadt und will damit ihre Entwicklung unterstützen.

Die Hauptstruktur der Arbeit unterteilt sich in 3 Ebenen, deren Bearbeitung zeitlich unabhängig voneinander geschehen kann. Die Resultate der einzelnen Eingriffe bzw. Untersuchungen fließen automatisch als Erweiterung in das Archiv ein. So lässt sich der ständig in Veränderung begriffene Stadtkörper bibliothekarisch zeitlich festhalten.

Ich erkläre jetzt im Einzelnen die 3 verschiedenen Ebenen und beginne mit den Szenarien:

1. Szenarien

In manchen Situationen fällt es schwer, eine konkrete Idee zu proklamieren. Die Gedanken kreisen eher um ein „Was wäre wenn...?“. Dieses „wenn“ versuchen wir in einigen Szenarien widerzugeben. Eine 2-geschössige Tankstelle an der Budapester Brücke und deren Kundenklientel, eine Freiraumgestaltung im so genannten Pieschner Winkel, deren Umsetzung leicht und finanziell erschwinglich ist, deren Auswirkung auf das soziokulturelle Umfeld des Stadtteils erheblich sein kann. Das Stadtteilzentrum in der Nähe der Elbe hat nur einen begrenzten Zugang zum Wasser, wie kann man das ändern trotz einer absehbaren Hochwasserbeeinträchtigung.

2. Projekte

Die Projekte werden in einer Übersicht sortiert und charakteristisch erfasst. Sie sind zum Teil einem bestimmten Ort zugewiesen, können aber auch an mehreren Orten nacheinander oder zeitgleich initiiert werden, oder sind wie im Falle der Dresden Brille völlig ortsungebunden. Die Diversität aller Projekte zeigt sich ebenso in den unterschiedlichen Maßstäblichkeiten, die von ideellen Entwürfen wie die Dresden Brille über kleinstmaßstäbliches Industriedesign (cofee-to-go) bis zum stadtplanerischen Konzepten (Belebung Innenstadt) reichen. Wir werden hier einmal 4 Projekte aus der gesamten Arbeit exemplarisch vorstellen:

Dresden Brille

Die Dresden Brille mit dem Namen Silhouette weist auf eine Problematik hin, mit der wir Planer und Architekten heute vielerorts umgehen müssen, die zum Teil unsere Entwurfsfreiheit einschränkt. Gerade erst wurde in München mit einem Bürgerentscheid mit einem Stimmenverhältnis von 51 zu 49 % (bei einer Beteiligung von 20 %) einem von Ex-Oberbürgermeister eingebrachten Einwurf, kein neues Gebäude der Stadt darf höher als die Türme der Marienkirche sein entsprochen. Dresden steht vor einem ähnlichen Problem, Auswirkungen lassen sich im Stadtbild wieder erkennen: kein Gebäude darf höher sein als der Turm des Schlosses.

Die Form der Brille soll auf die Veränderung der Stadt Dresden, und im Besonderen auf die Veränderung des so genannten Canalletto-Blickes, der berühmten Stadtsilhouette vom nördlichen Elbufer aus hinweisen. Die Zeit ist nicht stehen geblieben und mit ihr auch nicht die Baustile und Formen. Jede Zeit hat ihre Zeichen gesetzt, und das will auch die Heutige. Doch: Was Sandstein war (auch wenn es längst nicht mehr existiert) muss wieder Sandstein werden, in historischen Formen und selbst als Mimikry eines komplett in Ortbeton erstellten Neubaus. Die Plattenbau-Hotels im Osten dieser Silhouette sollen aus ästhetischen Gründen verschwinden. Der Neubau der Synagoge musste sich dezent in das vorhandene Gefüge einbinden. Was werden einmal unsere Nachfahren über unsere Zeit sagen können. Das wir Super Nachahmungen erstellt haben?

Die Brille ist ein Plädoyer für den Mut zur Veränderung und in regelmäßigen Zeitabständen ein neues Aussehen bekommen.

Die Brille lässt sich als Bausatz von der Webseite herunter laden.

Videowand

Das Projekt mit dem Namen Videowand möchte über allgemeine Methoden der Stadtwerbung nicht oder wenig beachtete innerstädtische Freiräume wieder in den Blickwinkel der Bewohner rücken. Wer kennt das nicht: jeden Tag fährt man mit dem Auto oder der Bahn dieselbe Strecke, aber was sich wirklich entlang des Weges befindet kann man nicht sagen. Nur eine Veränderung erregt Aufmerksamkeit und damit eine Bewusstseinsveränderung im Betrachter. Videowände sollen nun diese Veränderung konstant zeigen. Eine Videowand besteht aus herkömmlichen Flachbildschirmen, die zur Größe eines Billboardes zusammengebaut werden. Eine eingebaute Kamera nimmt das Gebiet hinter der Wand auf welches sofort auf dem Bildschirm eingeblendet wird. Die Konstante (das simple Vorhandensein des Ortes) und die Variable (eine Veränderung allein schon durch Jahreszeiten) kann so festgehalten und direkt weiter gegeben werden. Darüber lassen sich nach Belieben Informationen zum Grundstück, zur Nutzung etc blenden.

Innenstadt

Das Projekt Belebung Innenstadt ist selbst schon in verschiedene Teilinszenierungen untergliedert. Ausgangspunkt ist die touristische Attraktivität der historisch wieder hergestellten Innenstadt und deren relative Unternutzung durch vor allem junge Bewohner Dresdens. Im Jahr 2001 wurden 7 Mio Touristen erwartet, deren räumliches Streugebiet sich im Bereich zwischen Oper, Zwinger, Schloss und Frauenkirche bewegt. Angrenzende Innenstadtbereiche wie das Gebiet um die Musikhochschule oder nördlich des Großen Gartens werden von Ihnen kaum berührt. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Stadt als reine Barockkulisse, sonder auch wirtschaftliche. Einzelhändler konzentrieren sich in dieser stark frequentierten Zone, während Geschäfte in der Seestadt schließen.

Eine Idee des Konzeptes besteht darin, die am meisten besuchte Ausstellung, die Gemälde der Alten Meister in ein umgebautes Heizkraftwerk Mitte umzusiedeln, dadurch den Strom der Touristen auch in die westliche Innenstadt zu lenken (mit den damit verbundenen Aufwertungen von sich ansiedelnden Gastronomie und Handelsbetrieben. Aber vor allem könnte die Gemäldegalerie wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt werden, der in der Ausstellung zeitgenössischer Malerei liegt. Hiermit könnte man u.a. auch junge Dresden in die ständig wechselnden Ausstellungen locken.

Eine weitere Idee besteht in der Umnutzung des 50er Jahre Gebäudes südlich des Großen Gartens in ein DDR-Museum, das dann in Fortführung der Achse Zentrum – Hygiene-Museum/Robotron Gelände liegen würde.

Kriegs- unf Friedensforschungsinstitut

Mit dem Wiederaufbau des kulturhistorischen Zentrums und der Wiedererrichtung der Frauenkirche verschwinden die restlichen, direkt sichtbaren Spuren der Zerstörung des 2. Weltkrieges. Die Frauenkirche wurde zum Symbol des Wiederaufbaus verliert jedoch ihre Symbolkraft als Mahnmal gegen das Vergessen von Krieg und Zerstörung. Die Auseinandersetzung und Erforschung der Ursachen, Zusammenhänge, Auswirkungen  und der Verarbeitung der Folgen eines solchen Krieges dürfen nicht enden. Sie sollen ein für diesen Zweck entsprechendes Gebäude an einem entsprechenden Ort bekommen. Dies soll kein Ort der Andacht werden, sondern ein Ort der Aufklärung und Auseinandersetzung durch und mit Information.

Der Trümmerberg, der östlich der Innenstadt im Stadtgebiet Friedrichsstadt in der Nähe des Hafens aufgeschüttet, wurde dient als räumliche Basis einer solchen Informationsstätte. Er befindet sich am Beginn des Bombenabwurfkorridors, den die Alliierten bei der Zerstörung der Stadt als Orientierung genutzt haben.

Das Gebäude gliedert sich in 3 Teile, die untereinander im Inneren des Berges verbunden werden. In Einem befindet sich die ständige Ausstellung zur Kriegszerstörung und Nachkriegsgeschichte Dresdens. Ein zweiter Teil nimmt Wechselausstellungen auf, die als Forschungsergebnisse des Instituts aufgearbeitet wurden. Eine Aussichtseben bildet den 3. Teil. Dieser den Trümmerberg überragende Bau ermöglicht einen Blick von Außen auf die wieder entstandene Innenstadt. Dieser Blick kann technisch überblendet werden mit Bildern aus verschiedenen Epochen vor während und nach dem Weltkrieg.

Die Auseinandersetzung mit der Zerstörung der eigenen Stadt ist Grundlage für die Verarbeitung der Folgen und Basis für bewusstere Entscheidungen für die Zukunft. Das Zentrum und der Ausstellungsbereich werden nicht nur Wissenschaftler anlocken, sondern Bewohner und Touristen in den sehr wenig frequentierten Stadtteil westlich der Innenstadt locken.

3. Orte:

Die von uns erkundeten Orte wurden nach ihren Defiziten und Potentialen untersucht und in einer Übersicht nach verschiedenen Charakteristiken, die sie hier im Bild sehen sortiert. Dies hilft vor allem einem besseren Verständnis und der dem Menschen eigenen Komplexreduktion. Hierüber lassen sich aber auch phänomenologische Erkenntnisse gewinnen und Orte unterschiedlichster Erscheinung miteinander vergleichen. Die gesammelten und untersuchten Orte bewegen sich in ihrer Wahrnehmung außerhalb des klassischen bzw. historischen Bildes, das über die Stadt vorherrscht, jedoch befinden sie sich räumlich alle innerhalb oder in unmittelbarer Nähe zum so genannten 26er-Ring. Diese Orte werden aufgrund ihrer nicht vorhandenen Nutzung in der Literatur häufig „Nicht-Orte“ oder „Un-Orte“ genannt, für uns sind sie dennoch Orte. Sie weisen, jeder für sich, einen charakteristischen Charme aus, sie sind Teil der Stadt und sollten dementsprechend behandelt werden. Ihre meist öffentlichen Eigentumsverhältnisse bieten durch die kommunale Seite unglaubliche Entwicklungsmöglichkeiten und auch jetzt sind sie, durch den subjektiven Blick unserer Augen gefiltert, Perlen innerhalb des Stadtgebietes.

Wesentlich war uns die fotografische Dokumentation der Orte, die wir mit Hilfe von 360° Panoramen oder kurzen Filmportraits für Andere festgehalten haben. Die räumliche Einordnung innerhalb des Stadtgebietes wird über eine kleine Skizze angegeben. Die Potentiale, der Orte wurden aufgeführt und z.T. direkt in ein Projekt umgesetzt. Weitere sind nur in die Sammlung aufgenommen worden und bieten Interessierten Einblick und Basis für eigene Ideen.

Auch heute stellt sich weiterhin die Frage, wie mit diesen öffentlichen Räumen umzugehen ist. Und welche Definition sich hinter dem Begriff „Öffentlicher Raum“ verbirgt. Wir haben einige von uns als Solche definierten Räume filmisch festgehalten und wollen sie hier in einem Potpourri zeigen.

Anderes-dresden ist im Internet unter der andresse www.anderes-dresden.de zu finden. Die Seite zeigt heute noch den Stand der Arbeit vom Sommer 2001. Wir haben die Stadt verlassen und wohnen und arbeiten jetzt in Berlin, Leipzig und Kassel. Die äußerst kontroverse und zum Teil polemische Diskussion, die die Arbeit innerhalb der TU Dresden hervorgebracht hat war ein untrübliches Zeichen, dass diese Form von Planung – oder auch unser Architekturverständnis, dass sich nicht auf das reine Bauen von Häusern beschränkt -  nicht einmal in Fachkreisen akzeptiert wird. Der alltägliche Umgang mit kommunalen Entscheidungsträgern zeigt ebenso, dass es immer noch sehr schwer ist, der herkömmlichen Planungsarbeit eine weitere konzeptionelle und anders-maßstäbliche Ebene hinzu zu fügen. Doch die Entwicklung der letzten Jahre stimmt uns optimistisch, nicht nur im Sinne auf künftige Aufträge, sondern im Sinne eines prozessualen Probierens und Lernens innerhalb der Veränderung unserer Städte.

Wir sehen Anderes Dresden nicht als neuartigen und einzigartigen Planungsansatz, ganz im Gegenteil: anderes-dresden ist ein Modell für eine Planungsstrategie, die neben herkömmlichen und in bestimmten Situationen besseren „klassischen“ Planungsvorgängen stehen soll. Anderes Dresden vertritt nur die Freiheit eines weiteren Denkens in der urbanen Entwicklung Europas.

 

 

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