SCHöNE FREMDE WELTEN

Fakten

29.11.2011, 18:30 Uhr - 20:00 Uhr

Ort

Grassimuseum Leipzig
Johannisplatz 5–11
04103 Leipzig

Veranstalter

A.I.L. Architektur-Institut Leipzig der HTWK Leipzig


urbikon verantwortlich
Kai Dolata,

Guten Abend meine Damen und Herren, liebe Freunde,

"Sehnsucht Stadt", so lautet der Titel der gesamten Veranstaltungsreihe und der des heutigen Abends  "Schöne fremde Welt". Mit der Einladung teilzunehmen habe ich mich gefragt,  welchen Beitrag urbikon.com zum Abend leisten kann.  Einige unserer Projekte wurden bereits im Ankündigungstext erwähnt. Wie die Auswahl zustande kam, würde ich gern in der Diskussion erfahren.

Ich bin kein Stadtsoziologe, doch natürlich sehe ich einen Bezug unserer Arbeiten zu den beiden Titeln. Um diesen Bezug aus unserer Sicht zu beleuchten, habe ich drei Fragen aufgestellt:

  • Ist „Sehnsucht Stadt“ die "Krankheit des menschlichen Verlangens" nach Stadt, so wie bereits die Gebrüder Grimm den Begriff »Sehnsucht« im Deutschen Wörterbuch definierten?
  • Oder ist es der bloße Wunsch nach einem intakten Stadtbild - also die Begierde nach der "schönen, fremden Welt", die immer woanders ist, nur nicht hier in den eigenen urbanen Grenzen - und somit eher die romantische Definition von Sehnsucht?
  • Oder ist es einfach nur das Drängen, dem ständigen Wandel der räumlichen, kulturellen, politischen und sozialen Umwelt in dichten urbanen Räumen einen fixen Rahmen zu geben?

Wahrscheinlich ist es von allem etwas. Ich möchte mich vor allem mit der letzten Frage beschäftigen und werde die ersten Beiden nur anreißen. Eventuell ist ja mehr Zeit in der Diskussion.

Das Menschliche Verlangen

Das menschliche Verlangen nach Stadt erscheint schizofren. Seit Jahrhunderten zieht es mehr und mehr Menschen vom Land in die Stadt, weil dort die Arbeitsplatzdichte größer ist, weil dort die multikulturelle, multi-ethnische, multi-religiöse Vielfalt gepredigt wird.  Doch dort angekommen, ist der Konkurrenzdruck viel höher als auf dem Land, man sucht seinesgleichen in Gruppen, was bis hin zu uniformierten Stadtvierteln und Gated Communities führt.  Auf der anderen Seite wächst der Wunsch nach Natur naher Umgebung. Man leistet sich einen privaten Freiraum,  der Trend zum Kleingarten geht wieder durch jüngere Bevölkerungsschichten, Vereine und andere Strukturen werden für  ländliche Wochenendresidenzen gegründet,  landwirtschaftlich-urbane Kleinflächen sprießen auf Brachflächen inmitten der Städte.

Dennoch: wir brauchen die Stadt, weil wir uns hier stärker entfalten können, weil sie als Schmelztiegel neue Ideen entstehen lässt, weil durch die Diversität der Menschen und Angebote ein Möglichkeitsraum geschaffen wird, der uns befriedigt, ob wir die Möglichkeiten nutzen oder nicht.

Schöne fremde Welt

,Wenn man sich etwas nur lange genug wünscht, wird es Wirklichkeit‘, so dachte ich oft als Kind.  Das gilt auch für Erwachsene. Über Vereine, Marketing-Agenturen und Planungsebenen in der Stadt werden Wünsche generiert, die - finden sich genug Unterstützer - in naher oder ferner Zukunft realisiert werden können.
 Manche baulichen Wünsche sind dabei so weit von der Realität entfernt,  dass sie absurd klingen:
 Las Vegas lebt zum Beispiel vollständig von diesen Traumbildern. Und in China werden neue Stadtviertel gebaut, die eine Eins-zu-Eins Replik europäischer Vorbilder sind, vielleicht ist dahinter auch der Wunsch nach der in diesen Stadtvierteln liegenden Gesellschaften versteckt.
Aber auch in Deutschland gibt es diese Wunschbilder.  Dresden verfolgt seit seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg unentwegt (und erfolgreich) das Ziel, sich wieder als barocke Stadt auszugeben.  Das berühmte Gemälde des Elbpanoramas der Stadt - von Canaletto ca. 1750 erstellt, dient dabei als Vorlage, der sich alle innerstädtischen Entwicklungen unterwerfen müssen.  Dafür wurden sogar schon Gebäude abgerissen.
 Aber das Wunschbild der Stadt ist nicht nur auf das Elbufer beschränkt. Die gesamte Innenstadt soll von der architektonischen Moderne der DDR-Zeit befreit und nach historischem, barockem Vorbild wieder aufgebaut werden - mit scheinbar breiter Unterstützung der Bevölkerung. [Anekdote?]
 Nach dem groß kommunizierten Wiederaufbau der Frauenkirchen-Ruine in den 1990er Jahren  gründete sich der Verein zu historischen Wiedererrichtung des Dresdner Neumarkts. Vor dem Hintergrund, dass die Kirche nur in ihrer historischen stadträumlichen Umgebung zur Geltung kommt, soll die gesamte Innenstadt in einen mehr oder weniger Vorkriegszustand zurück versetzt werden.  Und dieser Trend ist so erfolgreich, das bereits offen über eine Ausweitung der "Kampfzone" gesprochen wird. Ich kann dem nicht wirklich was abgewinnen, aber auch nichts entgegen stellen. Und damit scheint es nicht nur mir so zu gehen. Denn die Problematik besteht in dem Fakt, dass diesem historisierende Trend kein zeitgenössisches Pendant gegenüber gestellt wird, bzw. das es nicht erhört wird, weil man dem Neuen nicht vertraut.
 Für die Ausstellung »Der Blick auf Dresden - Das Werden der Dresdner Stadtsilhouette«, die zur 800-Jahr-Feier der sächsischen Hauptstadt im ebenfalls wieder aufgebauten Lipsius Bau an der Brühlschen Terrasse gezeigt wurde, waren unser Beiträge »History Park - Dresden« und die Dresden Brille »Silhouette« neben einigen Fotografien die einzigen zeitgenössischen Exponate, die gezeigt wurden und sich mit der Historisierung der Stadt auseinandersetzen.
 Letztlich ist die Grafik »Dresden History Park« auch nur ein Wunsch zur Konservierung des Zustandes. Man könnte mit den Eintrittsgeldern eines solchen Geschichtsparkes sicher den kommunalen Haushalt verbessern oder andere Investitionen außerhalb des Parks tätigen.
(Von den 3.000 Exemplaren der Brille wurden in 6 Monaten - weil tief unter dem Kassentresen versteckt - ganze 24 verkauft. Uns hat es finanziell nicht gestört.)

 Die Kommunikation der Wünsche ist ein wesentlicher Aspekt bei deren Umsetzung. Der eben genannte Verein Neumarkt hat 2003 innerhalb von sechs Monaten 67.000 Unterschriften gesammelt, die die historische Wiederherstellung des Neumarktes forderten.  Die räumlichen Grenzen des Wiederaufbaus aber zugleich auf den gesamten Innenstadtbereich ausdehnten. Das die im Krieg zerstörten Bauten nicht unbedingt heutigen Anforderungen an Raumzuschnitten und Größen entsprechen, wird dabei vernachlässigt.  Letztlich sollen Stadträumliche Kulissen für innerstädtischen Einzelhandel gebaut werden, als Grund wird Identitätsfindung angegeben. Und das ist ein wichtiger Punkt: Es ist nachvollziehbar, dass der Bewohner sich mit seiner Stadt identifizieren möchte. So entsteht und wächst die Bindung zu ihr. Wie man diese Bindung erzeugt, kann allerdings sehr unterschiedlich ausfallen. Und ob die Bindung der Realität entspricht ebenfalls. Auch schizofren oder?

Wandel der Umwelt

Und nun zur letzten Frage: Der Wandel der Gesellschaft und dessen Entsprechung im Stadtkörper.
Stadt definiert sich seit jeher über Gesetzmäßigkeiten, die ihr Bestehen sicher stellen.  Festgelegt wurden diese von Verantwortlichen, die sich mehr oder weniger dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Das war wichtig, weil eine Entscheidung über die gesamte Einwohnerschaft zu erlangen, mit den alten Kommunikationsmethoden nicht zeitnah möglich war. In Zeiten des Internets und Sozialer Netzwerke wäre es ein leichtes, Planungs- und Entscheidungswege stärker in die allgemeine Öffentlichkeit hinaus zu tragen.  Der Ruf nach Volksentscheide und Bürgerbegehren wird stärker - analog wird die Angst der Stadtverantwortlichen, sich dem zu stellen größer. Warum eigentlich?
Gerade in Zeiten finanzieller Engpässe ist es doch löblich, wenn der Bürger ein stärkeres Engagement bei der Gestaltung seiner Umwelt einbringt. Dies sollte man nutzen und lenken. Es ist nicht nachvollziehbar, warum ein paar wenige in den Gremien kommunalgesellschaftliche Entscheidungen treffen, die zum Teil mehrere Generationen rechtlich, baulich und finanziell binden, ob sie wollten oder nicht.
Ein Umdenken in der Definition des Betätigungsfeldes von Architekten und Planern ist dabei notwendig. Also weg von der reinen Gestaltung hin zur Verhandlung und Begleitung eines Vorhabens.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren mehrfach Projekte begleitet, deren wesentliche Entscheidungen durch die Beteiligung Externer hervorgebracht wurden. Der Rahmen, den wir im Vorfeld steckten, war offen genug, dass sich auch Fachfremde darin finden und ihren Beitrag leisten konnten.
Die »Völle« ist so ein Projekt.  Unsere Beauftragung seitens der Stadt Leipzig war eine Fassadengestaltung des Jugendclubs, um ihn nach außen hin zu verschönern.  Wir sind nicht in Grünau ansässig und sehen das Gebäude nicht täglich, daher war es uns wichtig, die direkt Betroffenen in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Zwei Vorstellungsrunden von Ideen wurden durchgeführt und nachdem aus drei Varianten eine ausgewählt wurde, konnten die Bürger und Interessierte weiter an der Umsetzung teilhaben.  Postkarten und eine Webseite haben über 400 Einsendungen zusammengebracht, aus denen eine Lotto-Fee 14 auswählte, deren Codes heute die Fassade des Jugendclubs schmücken.  Die Identifikation mit dem Objekt ist durch diese Beteiligung höher, der Grad der Verschmierung geringer.

Eine ähnliche Herangehensweise haben wir im vergangenen Jahr in Mühlheim an der Ruhr gezeigt. Gemeinsam mit Schülern der umliegenden Schulen (ein Gymnasium, eine Waldorfschule, eine Integrationsschule) gestalteten wir die Zugangstunnel der U-Bahn-Station Eichbaum um. Der Rahmen, den wir hier vorgaben, bestand in der Wahl des Materials für ein oder zwei Wandbilder, die wir mit ihnen gemeinsam dort installierten.  An die Schüler (und Lehrer) haben wir die Bitte herangetragen, ihre Eindrücke, Wünsche und Gedanken zum Ort und dessen Geschichte zu sammeln und uns zu übermitteln. Schließlich durchqueren sie seit Jahren zweimal täglich die Station auf dem Weg zur Schule und zurück.  Ihre Gedanken erreichten uns über geschriebenen Geschichten, Fotos oder Zeichnungen -mit z.t. sehr persönlichen Inhalten - in sehr unterschiedlichen Qualitäten. Unsere Aufgabe bestand nur darin ein zusammenhängendes Bild daraus zu formen. Ich sage nur, weil das neben der Konzeption die eigentliche Gestaltungsaufgabe war, derer wir uns als Architekten angenommen haben. Auch das "Produkt" war nicht vollkommen vorhersehbar.

Als sichtbares Ergebnis sind innerhalb von insgesamt 10 Arbeitstagen mit etwa 30 Schülern zwei Wandbilder mit ca. 100 qm Größe entstanden, die einmal eine räumliche Abwicklung entlang der U-Bahn-Strecke und einmal eine geschichtliche Abwicklung des konkreten Ortes zeigen und in einem Tunnel des Bahnhofes hängen.  Vielmehr noch, denn dahinter steckt die Collage aus subjektiven Wahrnehmungen des Ortes, deren Versatzstücke sich zu einem scheinbar geschlossenem Gesamtbild zusammensetzen. Für uns ist das eigentliche Bedeutung des Ergebnisses.  Und scheinbar nicht nur für uns, denn den Wandbildern wird ein anderer Respekt gegenüber aufgebracht, als dem eigentlichen Tunnelbauwerk.  Denn selbst nach über einem Jahr gibt es immer noch relativ wenige Tags, obwohl im Wochenrhythmus neue Graffitis die Tunnelwände zieren. Und das obwohl in der Installationsphase etliche Passanten den Nutzen der Arbeit in Frage stellten und eine alsbaldige Zerstörung prophezeiten.

 Zwei weitere Projekte ähnlicher Art möchte ich ihnen noch zeigen. Das eine haben wir in Vilnius realisiert. Wir hatten die Aufgabe, für ein Kulturprogramm am Ufer der Neris mitten in der Stadt Möbel zu gestalten, die für verschiedne Veranstaltungen genutzt werden können.
»88 Blöcke« sind einfache Sitzmöbel, die in die bestehende Betoneinfassung entlang des Flusses eingelassen werden können.  Das Gestaltungsprinzip - entworfen von den am Workshop teilhabenden Studenten - ist ganz simpel: es gibt vier verschiedene Größen, die miteinander kombiniert unterschiedliche Sitzgruppen ergeben. Der Clou ist jedoch, dass sie durch die Bürger selbst gesetzt bzw. versetzt werden können. Unser Team hat nur den Anfang gemacht.  Für ca 20 Euro kann ein Block hergestellt werden, die Betoneinfassung zieht sich am Fluss entlang durch die gesamte Innenstadt.  Jeder ist in der Lage ein Stück Stadtgestaltung und Aufwertung des öffentlichen Raums in die Hand zu nehmen und dabei auch private Rückzugsräume kreieren.  Aus dem Stadtplanungsamt Vilnius gibt es dahingehend nur positive Stimmen.

 Das zweite Projekt entsteht gerade gemeinsam mit meinen Kollegen von realities:united in Berlin. Schon 1998 haben sie vorgeschlagen, den ungenutzten Seitenarm der Spree - den so genannten Kupfergraben - entlang der Museumsinsel in ein öffentliches Bad mit vorgeschalteter Schilfkläranlage umzufunktionieren.  Damals - zu Stimmann Zeiten der "kritischen Rekonstruktion" ein ungeheuerlicher Vorschlag, dem man - im Gegensatz zu einem Einer-Milliarde Schlossneubau - nie Realisierungschancen eingeräumt hat.  Im September wurde das Projekt jedoch einen mit 100.000$ dotierten Preis für nachhaltige Bau– und Infrastrukturvorhaben dotiert. Das Jury Mitglied Lucy Musgrave sagte dazu: „Das Projekt ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie man solche innerstädtische Situationen weiterentwickelt, wo es ein hohes Maß an denkmalgeschützter Substanz gibt, und wo bisher aber die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung übersehen wurden.“  Mit der durch die Preisverleihung verbundenen Öffentlichkeit geht das Projekt in eine neue Phase. Doch solch ein Projekt kann man nicht einfach so bauen, es ist nicht einmal vordergründig eine Frage der Finanzen.  Man braucht die Unterstützung aus der Politik und der breiten Masse der Bevölkerung. Das bedeutet, dass man zweigleisig weiter machen muss:

  1. konkrete Planungsprozesse durchlaufen, d.h. den Status Quo aller Entwicklungen entlang des Kanals und die eigenen Ideen auf Machbarkeit prüfen und das in Zusammenarbeit mit den dafür zuständigen  Verwaltungsstrukturen.
  2. das Projekt kommunizieren! Ziel ist es, das Flussbad innerhalb der nächsten 8-10 Jahre zu realisieren. Nicht ausschließlich um des Schwimmens wegen, sondern um den zur Zeit ungenutzten Raum mitten in der Stadt eine zeitgenössische Nutzung zurück zu geben, die sowohl den Besuchern der Stadt als auch deren Bewohnern zu Gute kommt. Einen Grünraum innerhalb der Schilfkläranlage zu schaffen, der einen Qualitätssprung innerstädtischen Klimas bedeutet. Über Funktion von Flüssen im Stadtraum und über den Umgang mit historisch Wertvollem und Wiederaufzubauenden und deren Wechselspiel mit der jetzigen Gesellschaft nachzudenken.

 Die bisherige Resonanz ist überwältigend - wenn auch zum Teil kopfschüttelnd. Und jeder sieht sein eigenes Wunschbild darin: eine stehende Welle, ein Vogelartenbiotop, eine neue Eventmeile oder eine olympische Sportstätte.  Das das Projekt nicht so aussehen wird, wie wir uns das im Moment vorstellen, ist fast zwangsläufig, wir sind jedoch offen genug, Anpassungen vorzunehmen. Den Wunsch und das Ziel werden wir nicht aus den Augen verlieren.

Fazit.

Ich hab es bereits erwähnt, die schöne fremde Welt kann man eigentlich nur zu seiner eigenen machen, wenn man bestehende Raumbilder überformt und Planungsmethoden an neue Begebenheiten anpasst. Das Neue und zwangsläufig Zeitgenössische muss erstmal eine Chance bekommen zu bestehen, um sich dem Herkömmlichen und Konservativen stellen zu können. Das oft vorgebrachte Argument: "Das wird viel teurer!" will ich nicht hinnehmen: erstens weil sich das aus der heutigen Sicht in der Unkenntnis der neuen Prozesse nicht genau berechnen lässt und zweitens: weil einzelne Beispiele bereits davon zeugen, dass es anders günstiger geht. (Siehe Endlagersuche in der Schweiz vs. Endlagersuche in Deutschland)

Also auf in die schöne fremde Welt!

 

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